Tourengeschichten

Jede Tour ist mit eigenen Erfahrungen und Erlebnissen verbunden. Ich möchte meine mit dir teilen und dich einladen, in ganz persönliche Gipfelgeschichten einzutauchen. Ein paar Basisdaten wie Ausgangspunkt oder Höhenmeter gibt es zu jeder Tour auch dazu. Für detaillierte Tourenbeschreibungen und technische Angaben empfehle ich dir professionelle Portale.

Signalkuppe (4.554 m) und Vincentpyramide (4.215 m)

Monte-Rosa-Massiv, Italien/Schweiz

4.554 Meter! Wir stehen auf der Terrasse des höchsten Gebäudes Europas - der Margheritahütte direkt auf em Gipfel der Signalkuppe oder Punta Gnifetti. Ein Bein in Italien, eins in der Schweiz. Unter uns die beeindruckenden Abstürze der Ostwand und ein Ausblick wie auf einem Interkontinentalflug. Der Gipfel gehört zum Monte-Rosa-Massiv und wird als vierthöchster der Alpen geführt. Eigentlich kaum zu glauben, dass ein so hoher Berg technisch relativ einfach erreichbar ist. Denn alpinistisch bietet "die Margherita" - benannt nach der italienischen Königin, der zu Ehren die Hütte 1893 errichtet wurde - keine nennenswerten Schwierigkeiten. Die Höhe macht sich dagegen schon bemerkbar: Angesichts der kurzen Akklimatisierung schleichen sich leichte Kopfschmerzen und Druckgefühle ein, die sich aber auflösen, als wir nach kurzem Aufenthalt wieder die Höhe verlassen. 
Wie war der Weg bis hier oben? Samstag Aufbruch in Nürnberg, lange Autofahrt über das Tessin und an Milano vorbei ins Valsesia. Wir haben uns entschlossen, den Berg von der italienischen Seite zu machen, um uns das wilde Bruchgelände des Monte-Rosa-Gletschers auf Schweizer Seite zu ersparen. Außerdem kennt und schätzt man ja von italienischen Hütten die exzellente Küche ... Von Alagna Valsesia, das wir am späten Samstag Nachmittag erreichen, steigen wir noch durch dampfend feuchte Wälder steil zum Rifugio Città di Mortara auf. Knapp 2.000 Meter hoch auf einer Alm gelegen und mit einer einladenden Bar ausgestattet - fast zu schön zum Weiterziehen. Doch der Berg wartet. Sonntag geht's weiter zu unserem eigentlichen Stützpunkt, dem Rifugio Mantova auf 3.500 Meter. Laut ist es und sehr lebhaft. Montags dann als Eingehtour bereits der erste Viertausender, die Vincentpyramide mit 4.215 Metern Gipfelhöhe. Und schließlich am Dienstag unser Ziel. Am Lysjoch liegt ein Italiener rücklings im Schnee und strahlt mit der Sonne um die Wette: "Di meglio non c'è - Etwas Schöneres gibt es nicht". Am Ende wartet dann doch noch ein steilerer Anstieg, der uns in dieser Höhe ordentlich schnaufen lässt, aber geschafft ist geschafft. Unser bisher (und für mich bis heute) höchster Alpengipfel. Irgendwann soll dann auch die bergsteigerisch deutlich anspruchsvollere Dufourspitze folgen - aber das eilt nicht.

Route

Von Alagna Valsesia (Parkplatz) zum Rifugio Città di Mortara (1.945 m), Aufstieg zum Rifugio di Mantova (3.500 m), von dort Normalweg zur Signalkuppe / Punta Gnifetti. Gleicher Weg zurück.

Schwierigkeit

L, im Prinzip Schneewanderung, aber Vorsicht vor dem spaltenreichen Gletscher oberhalb der beiden Hütten (Rif. Mantova und Rif. Gnifetti); letzter Teil beschwerlicher wegen der Höhe deutlich über 4.000 m

Höhendifferenz

Alagna-Rif. Mortara rund 800 hm
Rif. Mortara-Rif. Mantova rund 1.500 hm
Rif. Mantova - Signalkuppe 1.050 hm

Passage zwischen Mortara- und Mantova-Hütte

Sonnenaufgang auf dem Rifugio Mantova


Alphubel 

4.206 m| Walliser Alpen, Schweiz

Route

Hin über Südostgrat (Eisnase), Gipfelüberschreitung, zurück über Normalweg

Schwierigkeit

WS, Eisnase kann (wenn sie ihrem Namen gerecht wird) komplizierter sein

Höhendifferenz

Knapp 500 hm von Parkplatz Ottavan bis Täschhütte
Weitere 1.505 hm Täschhüttel-Alphubel

2016 war in der Mitgliederzeitschrift unserer lokalen Alpenvereinssektion eine Hochtour auf „leichte Viertausender im Wallis“ als Gruppenunternehmung ausgeschrieben. Ehrlicherweise war mir vorher nicht bewusst, dass es in dieser Höhe überhaupt leichte Touren gibt. Viertausender hatte ich immer als magische Welt jenseits einer Grenze wahrgenommen, die Normalbergsteigern wie mir nicht offenstand – vermeintlich. Nach kurzem Telefonat mit dem Organisator waren wir uns einig, es miteinander zu versuchen.
Wenige Wochen später ging es los. Acht Sektionsmitglieder, zwei Seilschaften, ein Tag Akklimatisierung auf der urigen Täschhütte (2.701 Meter), wo man noch dem Charme einer originalen Alpenvereinshütte nachspüren kann – am selben Tag Eingehtour und anschließendes eiskaltes Bad im stellenweise noch eisbedeckten Weingartensee auf 3.058 Metern. Der Weg auf den Alphubel, den wir am folgenden Tag ab 4:30 Uhr einschlagen, ist auch für Viertausender-Debütanten machbar. Er beginnt als Wanderung, schlängelt sich durch einige mächtige Felsblöcke, erreicht dann bei über 3.200 Metern den Südarm des Alphubelgletschers und steigt auf zum Alphubeljoch.
Für eine Viertelstunde wird die Tour zur genussvollen Schneewanderung mit grandiosem Panorama über die zahllosen Viertausender des Kantons Wallis. Dann läuft die Hochebene des Alphubeljoch in einem schmaleren Grat aus. Ab jetzt gilt es, auf die Füße zu achten. Der Grat verbreitert sich zur Eisnase, dem 40-45° steilen Südostgrat. Im Zickzack gewinnen wir Höhe. Auf rund 3.800 Metern merke ich, dass die Luft merklich dünner wird, und bin froh, als der Hang sich zurücklegt und wir auf dem flachen Gipfelplateau des Alphubel ankommen. 4.206 Meter!
Ein verhältnismäßig leichter Berg ohne größere objektive Schwierigkeiten – aber eine imponierende Höhe für den ersten Viertausender. Rückweg dann über den Normalweg und in weitem Bogen zurück zur Täschhütte.

Genusspassage am Alphubeljoch mit Blick auf Allalinhorn (4.027 m) und Strahlhorn (4.190 m) bis weit nach Italien hinein

Die Eisnase am Alphubel - hier machen wir ordentlich Höhenmeter und kommen wenig später auf dem Gipfelplateau an


Weißmies 

4.017 m | Walliser Alpen, Schweiz

Zwei Tage nach der Tour zum Alphubel steht im Juli 2016 der nächste leichte Viertausender an: Der? Die? Das? Weißmies, mittlerweile durch Schmelzen der Eiskappe auf 4.017 Meter heruntergemessen. Auch unsere Gruppe ist geschrumpft, vier der acht Teilnehmer sind in ihre Arbeitswoche zurückgekehrt, der Rest hat noch zwei Tage Urlaub für diese zweite Gipfeltour genommen.
Wir starten von der Weißmieshütte, 2.728 m. Der Aufstieg am Hohsaashaus vorbei durch die immer noch mächtig zerklüftete, firngepanzerte und spaltenreiche Nordwestflanke des Weißmies verläuft heute durch dichte Wolken. Wir können nur auf kurze Sicht laufen. Umso mystischer tauchen Séracs und Eishöhlen aus dem weißen Nichts auf. Es ist steil. Wir stapfen schweigend bis zum Sattel zwischen West- und Hauptgipfel. Dann reißen die ersten Wolkenlücken auf, in den schnell wieder zuziehenden Sichtfenstern zeigt sich erstmals der Gipfel. Bis auf eine unangenehm vereiste Stufe, an der wir uns gegenseitig einen zweiten Eispickel leihen müssen, ist die Route jetzt technisch einfach.
Dann stehen wir auf dem Gipfel und blicken auf den deutlich ausgesetzteren Südgrat herüber. Nach Westen überragt die Mischabelgruppe die aufsteigenden Wolken. „Unser“ Alphubel präsentiert sich bescheiden neben Täschhorn, Lenzspitze, Dom und Nadelhorn. Nach Süden geht der Blick zu Monte Rosa und Lyskamm, nach Norden Richtung Lagginhorn (ebenfalls ganz knapp über der 4.000er Marke) und Fletschhorn (höchster Dreitausender der Alpen mit 3.993 m).
Der Name Weißmies, egal welcher Artikel korrekt sein mag, ist immer noch ein beeindruckender Gletscherberg, dessen Besteigung oder Überschreitung den Weg lohnt. Auch den langen, sulzigen Rückweg, bei dem jeder von uns mindestens einmal bis zur Hüfte durch die Firndecke einbricht – echte Spaltenbergung aber bleibt uns erspart.

Route

Normalweg: Weißmieshütte-Hohsaas-Weißmies, gleicher Weg zurück

Schwierigkeit

WS, technisch unkompliziert, aber Vorsicht vor einstürzenden Séracs

Höhendifferenz

1.290 m rauf und wieder runter ab Weißmieshütte

Links: Zum Glück finden wir immer wieder eine sichtbare Spur in der zerklüfteten, vergletscherten Flanke. Rechts: Hinten stößt das Lagginhorn durch die Wolken.


Zugspitze

2.962 m | Wetterstein, Deutschland

Wir sind gerade auf dem Rückweg vom Olperer in Richtung Franken unterwegs, wählen die Route über den Fernpass. In mir hat sich eine Idee festgesetzt: Warum schon mit den anderen zurückfahren, wenn ich doch als Einziger noch ein paar Tage Urlaub vor mir habe? Wäre da nicht quasi auf der Durchreise noch die Zugspitze solo machbar? So lasse ich mich in Garmisch absetzen und steige noch am Abend zur Höllentalangerhütte auf. Viel los trotz Werktag, der Hüttenbetrieb fast industriell durchorganisiert, aber anders funktioniert es hier einfach nicht. Alle wollen sie auf den höchsten Berg Deutschlands. Im Massenlager bekomme ich noch ein Hochbett "auf der dritten Etage", die sich aber als gemütliche Höhle entpuppt. Am nächsten Tag sehe ich zu, dass ich vor dem großen Ansturm loslaufe, das waghalsig durch die Wand verlaufende "Brettl" und den Gletscher - den Schneeferner - erreiche. Zu Recht standen an der Hütte große Warnschilder: "Nur mit Steigeisen zu begehen!". Der Gletscher ist teils sulzig, teils übel vereist, splittdurchsetzt, kein Spaß. Ich bin froh, ihn auf einem schmalen Pfad verlassen und nach überraschend harmlosem Gletscherschrund in den Klettersteig einsteigen zu können. Nun beginnt der absolute Genussteil der sechsstündigen Tour. Immer im machbaren Bereich, immer gut gesichert, eine nette Kraxelei im Schwierigkeitsgrad C. Nur zu trinken gibt es weit und breit nichts. Ich bin froh, unterwegs zwei Mal meine Flasche mit frischem Quellwasser aufgefüllt zu haben, denn die gesamte Tour bis zum Gipfel führt im Sommer keinen Meter durch Schatten. Endlich die letzten Meter des Klettersteigs, Ankunft am völlig überfüllten Gipfelplateau. "Erst dachte ich, ich lass mir heut die Nägel machen, aber dann sind wir auf die Zugspitze gefahren", höre ich eine Besucherin neben mir erzählen. Bis zum Kreuz versuche ich es gar nicht mehr, trinke ein kühles Weißbier und einen Kaffee und mache mich auf den Rückweg - mit der Bahn. An der Kehre in Hammersbach winkt der Busfahrer gleich ab, er nimmt wegen Überfüllung niemanden mehr mit. Und später ist die Bahnstrecke wegen eines entgleisten Regionalexpress gesperrt. Irgend ein Weg führt trotzdem immer nach Hause, und so komme ich müde, aber glücklich von der Solotour auf das Dach Deutschlands zurück. Das nächste Mal dann über die steile, kurze Stopselzieher-Route!

August 2022: Alle, die hier gerade den oberen Rand des Schneeferners passieren, wollen in den Klettersteig der Höllentalroute einsteigen. Gut, schon drin zu sein!

Route

Höllentalroute: Von Garmisch zur Höllentalangerhütte (Übernachtung); dann über Schneeferner und Klettersteig auf den Gipfel

Schwierigkeit

Als Wanderung T4+ eingestuft 
Schneeferner ca. 35° steil (Steigeisen unbedingt angeraten)
Klettersteig bis C

Höhendifferenz

Hüttenzustieg: 785 hm von Garmisch-Hammersbach bis Höllentalangerhütte
Gipfelaufstieg: 1.575 hm von Höllentalangerhütte bis Gipfel

Ausgangspunkt für die Höllentalroute ist die Höllentalangerhütte. Von hier geht der Blick Richtung Talschluss, der Aufstieg zur Zugspitze ist schon erahnbar.

So menschenleer sie hier wirkt: Die Zugspitze ist oft überlaufen, weil Seilbahn und Wander-/Klettersteigrouten auf dem höchsten deutschen Berg zusammenkommen.


Hochfeiler 

 3.510 m | Zillertaler Alpen, Österreich/Italien

Lanschaftlich ein Erlebnis vom ersten bis zum letzten Meter: Aufstieg zur Hochfeilerhütte und zum Hochfeiler

Route

Ab der alten Pfitscher-Joch-Straße (Parken in dritter Kehre) zur Hochfeilerhütte, von dort beschildert zum Gipfel des Hochfeiler

Schwierigkeit

Auf der Wanderskala T3/T4.

Im Gipfelbereich Kletterstellen I (abschüssige Schrofen).

Keine Hochtoureneinstufung.

Höhendifferenz

Hüttenparkplatz bis Hochfeilerhütte 990 hm

Hochfeilerhütte bis Gipfel exakt 800 hm

Ein Gipfelkonzert auf einem stolzen Dreieinhalbtausender - auch das gibt es in den Alpen, wo Natur und Kultur so dicht aufeinanderstoßen wie in kaum einem anderen großen Gebirge. Während uns dichte Wolken und leichtes Schneetreiben umwehen, singen vier Südtirolerinnen à cappella unter dem Gipfelkreuz. Wir dürfen als exklusive Zuhörer genießen und dann sogar deutsche Schlager aus eigens mit hinauf getragenen Textheften mitsingen. Unvergesslich!

Die Tour selbst war an diesem Tag geheimnisumwoben - mal mit guter Sicht auf die bizarr zerklüfteten Felsen voraus, mal eingehüllt in Weiß. Man kann den Hochfeiler auch als Tagestour machen, aber wir hatten den Klassiker gewählt: zunächst eine Übernachtung auf der gemütlichen Hochfeilerhütte (2.715 m) einschließlich erstklassiger Küche, um dann gut ausgeschlafen und ohne Zeitdruck am nächsten Morgen die nicht einmal 800 restlichen Höhenmeter zum Gipfel aufzusteigen. Im Juli 2023, als wir oben waren, gab es nur letzte kleine Schneereste auf dem Grat, die sich aber mit etwas Vorsicht frei und ohne Hochtourenausrüstung bewältigen ließen. Der Hochfeiler ist einer der Alpenberge, die sich auch früher schon ohne Gletscherüberquerung besteigen ließen. Kein Wunder, dass bereits im Sommer 1885, als der Alpinismus noch weit von einer Massenbewegung entfernt war, 45 Besteigungen gezählt wurden!

Zu unserer Tour sei noch ergänzt: Auf dem Rückweg rissen die Wolken auf, so dass mein Bergfreund Bogdan und ich uns nachmittags sogar aufrafften, nach einer Stärkung auf der Hütte noch einmal den halben Aufstieg zu wiederholen. Fazit: Der Hochfeiler ist ein stolzer Berg mit landschaftlich wilden, aber bergsteigerisch nie schwierigen Passagen - auf jeden Fall den Weg wert.

Links der drei Bergsteiger auf dem Felskamm spitzt schon das Hochfeiler-Gipfelkreuz hervor

So sahen an unserem Aufstiegstag weite Strecken der Tour auf den Hochfeiler aus (3.510 m, vom Pfitschtal/Südtirol begangen) 

Sattes Wiesengrün harmoniert mit Steingrau, Wolkenweiß und etwas Himmelsblau auf dem Weg von der alten Pfitscher-Joch-Straße zur Hochfeilerhütte


Versuch: Finsteraarhorn 

 4.274 m | Berner Alpen, Schweiz

Stolz aufs Scheitern? Gibt es: Das Finsteraarhorn gehört zu meinen Unvollendeten, aber ich bin immer noch überzeugt, dass es eine gute Entscheidung war, an einer heiklen Querung umzukehren. Der Berg bleibt vorerst ein Traum. Nur wenige der großen Alpenberge stehen prominenter für sich da, und von der Grindelwalder Seite ragt das Finsteraarhorn als steiler, fast überkippender Zacken in die Höhe. 
Die Vorzeichen unserer Tour sind leider nicht bestens. Ich starte übernächtigt und überarbeitet, die Fahrt ist lang und anstrengend und mündet ab dem Hotel Gletscherrose oberhalb von Fiesch in einen nicht enden wollenden Gletschermarsch über den Aletschgletscher, Europas längsten Gletscher. Nach sechs Stunden finden wir eine machbare Ausstiegsstelle zur Konkordiahütte (2.850 m). Die märchenhafte Lage direkt über dem Aletschgletscher entschädigt für die Plackerei. Der nächste Tag bringt eine weitere Gletscherüberquerung über die Grünhornlücke zur Finsteraarhornhütte. Sie liegt auf 3.048 m inmitten majestätisch, arktisch anmutender Eislandschaft unweit des Zusammenflusses von Jungfrau-, Aletsch- und Grünhornfirn. 
Der Gipfelversuch am nächsten Tag beginnt mit einem teils vereisten, teils aperen, 35° steilen Gletscher, mit dem ich unangenehme Bekanntschaft mache. Es dauert eine Weile, bis ich nach einem kräftigen Einbruch mein Bein freigeschaufelt habe. So stolpern wir unserem Zeitplan deutlich hinterher. Am Frühstücksplatz (3.617 m), von wo es eigentlich zum Hugisattel weitergeht, nehmen mich die Kameraden zur Seite. Sie wollen wissen, ob ich heute fit und mental bereit bin, die vereiste, 45° steile Querung oberhalb zerklüfteter Gletscherspalten zu machen. Es wird seinen Grund haben, warum sie fragen. Schließlich entschließen wir uns zur Umkehr - am Berg gilt das Prinzip "Alle oder keiner".
Ich bin meinen Freunden sehr dankbar, dass sie gelassen reagieren und wir noch eine gute Zeit miteinander verbringen. Einen Tag früher als geplant sind wir zurück auf der Konkordiahütte, die wir nun wieder über die Grünhornlücke und am Ende über 467 Treppenstufen erreichen. Die verzinkte Eisentreppe, die vom schwindenden Gletscher (jährlich durchschnittlich sechs Meter Dickeverlust!) steil hinauf zur Hütte führt, muss nahezu jeden Sommer verlängert werden. Mit dem Rückweg über den Aletschgletscher endet der Versuch Finsteraarhorn. Es war trotz Umkehr eine große und großartige Tour - hoffentlich mit der Möglichkeit zur Wiederholung.

Route

Fiesch-Hotel Gletscherrose-Konkordiahütte-Finsteraarhornhütte-Gipfelaufstieg

Schwierigkeit

ZS-
Lange, anspruchsvolle Hochtour

Höhendifferenz

Ab Finsteraarhornhütte 1.226 hm

Rund um den Aletschgletscher erstreckt sich ein weites, wildes Areal. Links der Finsteraarhorngletscher, der auf dem Weg zur Finsteraarhornhütte überquert werden muss. Keiner der Hüttenzustiege - ob von Fiesch oder vom Grimsel-Stausee - ist "geschenkt". Rechts: Wir nähern uns dem Frühstücksplatz.


Piz Palü

3.905 m | Engadin, Schweiz

Im Sommer 2020 in die Berge - mit zwei Hüttenübernachtungen? Mitten in der Covid-19-Zeit? In der Schweiz war es möglich, und Paul von unserer Alpenvereinssektion hatte rechtzeitig Plätze für eine große Gruppe auf der Diavolezza-Hütte gebucht. Das Engadin, auch Silberschloss der Alpen genannt, ist immer einen Besuch wert. Schon eine meiner ersten Hochtouren mit dem DAV hatte mich auf den Piz Morteratsch (3.751 m) geführt - nun sollte der legendäre Piz Palü (3.905 m) folgen. Mit seinen drei ebenmäßigen Pfeilern gilt er als einer der schönsten Bergen der Alpen. So war die Vorfreude riesig, der Hüttenzustieg ab Pontresina windig, die Schneeflocken wirbelten auch unsere Gedanken durcheinander: Würde das Wetter halten? 
Am nächsten Morgen, ohne Akklimatisierung und mit ordentlich Höhenkater, beginnt der Aufstieg - und der zieht sich erst einmal. Statt wie früher auf den Pers-Gletscher abzusteigen und dann kontinuierlich Höhe zu gewinnen, stolpern wir im Schein der Stirnlampen die Ausläufer des Piz Trovat hinauf, müssen wieder Höhe abgeben und blicken nach eineinhalb Stunden etwas ratlos zur Diavolezza zurück, die immer noch fast auf Augenhöhe liegt. Das ist der Tribut an den verschwundenen Gletscher. Aber waren wir nicht zum Bergsteigen hergekommen?
Dann aber bekommen wir reichlich Gelegenheit, das bisher Vermisste nachzuholen. Durch spaltenreiches Gelände erreichen wir die Schulter zum Ostgipfel, gut 40° steil. Der Firn ist griffig, daher bleiben wir entspannt. Nur Franz, unser "Expeditionsarzt", klagt über Krämpfe. Wird er durchhalten? Werden wir als gesamte Seilschaft umkehren? Teilweise auf allen Vieren schleppt er sich weiter aufwärts. Und irgendwann weichen die Krämpfe. Ein bewundernswerter Einsatz, um uns allen das Gipfelerlebnis zu ermöglichen. Das letzte Gratstück ist schmal, stellenweise ausgesetzt, aber die Spur fest. So beglückwünschen wir uns, auf einem Gipfel zu stehen, der sicher zu den bekanntesten Namen der Alpen gehört - und ab jetzt auch in unserem persönlichen Gipfelbuch seinen Platz hat.

Route

Normalweg: Diavolezza-Piz Palü, gleicher Weg zurück

Schwierigkeit

WS-, 40°

Höhendifferenz

Hüttenzustieg: rund 900 hm ab Talstation Diavolezza-Seilbahn
Gipfelaufstieg: 932 hm plus Gegenanstiege ab Diavolezza

Fast zum Verwechseln: Die Bellavista (3.921 m) ist dreigipfelig wie der Piz Palü.

Der Piz Palü diesmal leicht "westlich gedreht" beim Aufstieg zum Piz Morteratsch